Die Bärenbande

Die Geschichte der Bärenbanden

Das Wappentier, der Bär, spielte in Stadt und Land des Staates Bern schon früh eine grosse Rolle. Waren es im mittelalterlichen Schauspiel noch lebendige Bären an einer Kette welche die Zuschauer einschüchtern sollten, so wurden diese bei Aufführungen und Umzügen später immer öfter auch durch Bärenhautträger ersetzt; richtige Tanzbären mit ihrem Bärenbegleiter gab es aber natürlich nach wie vor.

Angesehene und wohlhabende Bürger stifteten am Hirsmontag neben Hirsebrei oft auch eine Tanne oder ein Fass Wein. Die „Tannenfuhr“ wurde mit Tänzen und theatralischen Darbietungen und mit einem bunten Umzug verbunden. An diesem marschierten etwa ein Bärenhautträger, Wilhelm Tell, die drei Bundesbrüder, der Eselsdoktor, der „Chudermann“ und der „Mieschmann“ mit. Bis zum Untergang des Alten Bern (1798) zogen in der Stadt Bern auch am Ostermontag ein Bär – oft mit einer Hellebarde bewaffnet oder sogar hoch zu Ross –  und andere Fasnachtsfiguren im Umzug des „Äusseren Standes“ durch die Gassen der Stadt.

Später war der Bär im bernischen Fasnachtsbetrieb die Hauptfigur in den grob agierenden Bärenbanden. Die gefürchtete Hexe, auch Bäsewyb oder Bäsebethi genannt, jagte die Zuschauer aus dem Spielkreis. Die Aufführung bestand vor allem darin, dass der zottige Bär an der Kette brummte, weil er ungern jetzt schon aus dem Winterschlaf aufgeweckt wurde. Er war noch schwach, sank immer wieder auf den Boden und musste von einer dritten Figur, dem Eselidokter, auf die Beine gebracht werden. Der Bär war damit – laut Sergius Golowin – genau wie seine Begleiter, die Waldleute, Zauberärzte und bunt geschmückten Kinder, ein Künder der Lebenskräfte in der neuen Jahreszeit: Sie läuteten den Frühling ein. Dies widerspricht ganz eindeutig einer Aussage in einem NZZ-Artikel von 1926, welcher im Buch „Alt Langenthal“ zitiert und seit Jahrzehnten immer wieder erwähnt wird: Der Bär stellte weder in Bern noch in Langenthal noch anderswo jemals den Winter dar; in dieser Jahreszeit hält er nämlich in seiner Höhle den Winterschlaf (laut einer Legende in der Stadt Bern übrigens unter dem Rathaus). Ob die Bärenbanden als Winteraustreiber entstanden sind oder ob ihnen diese Funktion erst später übertragen wurde, lässt sich in der Literatur nicht klar feststellen.

Ein weiterer Fasnachtsbrauch mit einem Bären war zum Beispiel im Emmental und im Bucheggberg beliebt, die sogenannte Bärenjagd: Der Bär verfolgte dabei eine arme Beerenfrau, wurde selber gehetzt und erschossen, um dann später von einem „Medizinmann“ wieder lebendig gemacht zu werden. Das volkstümliche Spiel könnte aus der Sage um die Jagd des Stadtgründers Herzog Berchthold V. von Zähringen entstanden sein.

Die wichtige Rolle des Bären im land- und stadtbernischen Brauch erklärt uns die grosse Bedeutung, welche er in früheren Jahrhunderten in der Kunst im weitesten Sinn hatte. Überall sah man sein Bild: an Wirtshäusern, an Privathäusern in Stadt und Land, an Stadttürmen usw. Sergius Golowin vermutet sogar, dass der Mutz in Berns Fasnacht und am Ostermontag kaum vom Wappentier her stammt – eher verhalte es sich genau umgekehrt. Eine Erinnerung an die Bären in Umzug und Bärenbande könnten auch die kleinen Bärlein-Krieger im Glockenspiel des Zytglogge sein; der Narr, der dabei sein Glöcklein schlägt, erinnert zumindest ja auch an fasnächtliches Treiben.

Der Bär, Mutz, Bäremutz oder Bäremani wurde an Hirsmontagsumzügen und Tannenfuhren im Bernbiet auch nach der Reformation neben anderen Figuren wie Trommler, Pfeifer, Pfarrer, Wunderdoktor, Schnäggehüsler, Huttemaa, Teufel und Fähnrich regelmässig mitgeführt, sei es als Wappentier oder sei es eben wohl als erwachender Frühling. Auch zu Beginn der heutigen Berner Fasnacht wird jedes Jahr der Bär aus dem Käfigturm befreit, womit die Tage von „Mutzopotamien“ beginnen.

Auch im Oberaargau und im angrenzenden Unteremmental war der Brauch, an der Fasnacht einen Bären herumzuführen, bis ins 19. Jahrhundert allgemein verbreitet. Der Bursche, welcher den brummenden Bären darstellte, wurde mit Stroh umwickelt, in Langenthal in grobes Sacktuch eingehüllt und im Wasen trug er ein wirkliches Bärenfell (wie heute auch wieder in der Stadt Bern). Manchmal bestand die Gruppe – wie etwa in Rohrbach – nur aus Bärenführer und Bär, in Herzogenbuchsee kamen noch ein Narr und ein Trommler dazu.

In Langenthal gehörte zu einer Bärenbande die Bärenmaske, der Bärenführer, das Bäsebethi, der Eselidokter mit seinem Medikamentenkasten und mehrere bunte, frühlingshafte Gümper mit ihren Schweinsblasen. Der Bande voran zog ein Trommler, den Tschämelermarsch schlagend, die übrigen Figuren „tschämelten“ dazu, das heisst, sie baten mit einem speziellen Tänzchen um „milde Gaben“ und sangen dazu:

Holi, holi, holi, holi, holi, holi, holi, holi, hotsch, hotsch, hotsch, hotsch! Vüre mit em graue Gäud, Chüechli oder Teigg.

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Bärenbande um 1900


8b (2)Der Langenthaler Bär hatte vor dem Gesicht eine ziemlich lange Kartonröhre, auch mit Sacktuch überzogen, an deren Ende ein roter Lappen als Zunge baumelte.Das Bäsebethi schlug mit dem Besen Neugierige zurück oder kehrte, wohl einen Abwehrzauber ausführend, vor den Haustüren Schnee und Dreck weg. Die Gümper sammelten das Geld und die Naturalien ein. Manchmal warf man den Bären in einen Brunnen, was – laut Melchior Sooder – sein ursprüngliches Wesen, einen Vegetationsdämon, deutlich erkennen lässt. Es wird auch vom Entweichen des Bären an der Langenthaler Fasnacht berichtet. Die Hetze, welche einsetzte, ermüdete das arme Tier, es fiel um und streckte alle Viere von sich. Der Eselidokter eilte herbei und versuchte ihm aus einem seiner vielen Gütterli ein lebenerweckendes Tränklein einzuflössen. In einem Leserbrief aus dem „Bund“ von 1931 wird eine Langenthaler Bärenbande treffend beschrieben:

 

Es fallen mir Fasnachtsgestalten ein, die man früher im Oberaargau, hauptsächlich in Langenthal, sah. Heute sind die seit langem verschwunden. Aber zu meiner Schulzeit, Ende der 80er- und ganz Anfang der 90er-Jahre, hatten wir Kinder immer grosse Freude und manchmal auch Angst vor dem „Bäremani“. Er war in rohe Sackleinwand gekleidet und hatte, was besonders typisch war, eine lange Schnauze aus grauem Pappapier. Geführt wurde dieser trotzige Bär von einem Bärenführer an einer Kette. Zu der gleichen Gruppe gehörte der „Eselidoktor“, der immer schwarz mit langem Rock und Zylinder gekleidet war. Als Zeichen seiner Würde trug er an einer Schnur angebunden bis 20 Arzneiflaschen um die Achsel. Der Bär wurde etwa müde vom vielen Tanzen und sank in sich zusammen. Unverzüglich holte nun der Bärenführer den „Eselidokter“, und dieser nahm eines seiner Fläschchen und schüttete dem Bär sein Elixier in die Pappeschnauze. Sofort war der Bär wieder geheilt, was er mit fröhlichem Grunzen und Brummen kundtat. Und weiter zog die Bande in eine andere Strasse unter Anführung des „Bäsewybes“, eines als Hexe verkleideten Mannes, dessen Pflicht es war, für Platz und Ordnung zu sorgen. Als Musik und „Bemerkbarmacher“ war immer ein „Kübeler“ dabei in irgendeiner alten Militäruniform. Diese Umzüge sah man hauptsächlich am Hirsmontag, aber auch manchmal schon am Samstag und Sonntag vorher.

Bis jetzt war immer vom Eselidokter die Rede, wo aber blieb das dazu gehörende Eseli? In der Stadt Bern sass der Mediziner an den Fasnachtsumzügen meist stolz auf dem grauen Reittier, bewaffnet oft mit einer grossen Klistierspritze. Bei den Bärenbanden in Langenthal, welche von Jugendlichen aus den verschiedenen Quartieren gebildet wurden, war das anders (manchmal fehlte der Esel wohl auch in der Bande).

Dazu aus den Jugenderinnerungen von Max Bühler:

Vielfach isch hinde no e vierbeinige Esel cho. Alles ebeso vo Sacktuech gnäiht i eim Überzug dr Rumpf mit Löchli obe für e hinter Bueb und e mene längohrige Eselschopf für e Vorderma. Das het de müesse zäme passe, zämegyge i Schritt und Tritt, und natürlich namentlich ou zäme passe i der geignete Buebegrössi. I däm Punkt het’s öppe ghapperet dass me i der gwünschte Grössi d’Buebe nid gha het. Einisch het me no Schuhmachers Mändu us dr Ufhabe als Hinterma gno, was süsch ganz sälte dr Fall gsi isch, will bi ihne nume Greppelerholz a d’Reihe cho isch. Aber will scho i dr Schuel dr Köbi und dr Mändu uf em glyche Bänkli ghocket sy, isch das Problem meh als glöst gsy und dä Esel isch denn uffallend besser glüffe als anderi Johr.

1908 hatte das Tschämelen an der Langenthaler Fasnacht offenbar ein solches Ausmass an grober Aufsässigkeit erreicht, dass es rundweg verboten wurde. Dadurch verschwanden auch die Bärenbanden auf einen Schlag, nicht aber bis in die 1950er-Jahre die typischen Sacktuchbären mit den langen Nasen. Diese marschierten während meiner Jugend in den 1950er-Jahren noch am Kinderumzug vom Hirsmontag mit.

Mehrfach wurde in der Folge versucht, die Bärenbanden wieder zu beleben; so etwa von der Quodlibetgesellschaft, doch mit mässigem Erfolg. Erst 1985, als sich vier „mittelalterliche“ Fasnächtler an einen Tisch setzten und den alten Brauch wieder aufleben liessen, war dem Projekt Erfolg beschieden. Die Gruppe mit den alten Figuren in zeitgemässen Kostümen und Larven wurde zu einer neuen Clique an der Langenthaler Fasnacht. Sie ist nun seit 30 Jahren von Samstag bis Montag als «Alter Brauch» präsent und erfreut das Publikum.

So fassen wir denn zusammen: Die Figuren der Langenthaler Bärenbande sind der typische Bernermutz à la Langenthal, welcher nach dem Winterschlaf seine ganze Kraft zeigt, sein obligater Begleiter, der Bärenführer, der meist des Esels verlustig gegangene Eselidokter, der mit Klistier oder Gütterli dem Bären immer wieder auf die Beine hilft, der Trommler mit seinem alten, verloren gegangenen Tschämelermarsch, das Dreck oder Schnee wischende, auf Ordnung bedachte Bäsebethi und die Gümper als Harlekin oder Pierrot des Frühlings. Alle zusammen vertreiben sie den Winter und heissen den Frühling in Langenthal willkommen; und dies seit etwa 150 Jahren.

Text: Rudolf Baumann, Roggwil

 

Literaturnachweis

Baumann, Rudolf: Narren, Spassmacher und Witzbolde – Witz und Humor im Abendland, Bern 2007
Baumann, Rudolf: Fasnachtsbräuche im Oberaargau, Langenthal 2011
Bildarchiv Stiftung Trummlehus, Langenthal 2015
Bloesch, Hans: Siebenhundert Jahre Bern, Bern 1931
Bühler, Max: Langethaler Fasnacht um 1900, Münsingen 1960
Chronique des Confédérés 1291-1941, Murten 1941
Golowin, Sergius: Bern mit und ohne Masken, Bern 1968
Golowin, Sergius: Dr Bär isch los, Bern 1999
Kohler, Eugen: Alt Langenthal, Langenthal 1932
LFG Langenthal: Die Langenthaler Fasnacht, Langenthal 1994
Ramseyer, Rudolf: Die Fastnacht in Stadt und Kanton Bern, Bern 2001
Roth, Robert: D’Langete chunnt, Langenthal 1975
Sooder, Melchior: Fasnachtsbräuche im Oberaargau, Bern 1935
Zbinden, Emil: Fasnacht in Herzogenbuchsee, Langenthal 1966

Weitere Information auf  Wikipedia


Die heutigen Aktivitäten der Bärenbande

Kreisel
Wer kennt ihn nicht den ONYX Kreisel an der Aarwangenstrasse…  Im Vorfelde der Fasnacht wird der Kreisel jeweils am Donnerstag vor der Fasnacht von der Bärenbande übernommen. Unter der Regie unseres erfahrenen Kreiselbauers Ueli Heiniger entstehen Jahr für Jahr witzige, verrückte, aufwändige und zudem mottogerechte Kreationen. Mehr Informationen und Bilder unter Kreisel

Fasnacht
Jeweils am Fasnachts Samstag, exakt um 13:31 Uhr startet der Eröffnungs- Sternmarsch. Dieser hat zum Ziel dass sich der Langenthaler Gemeinderat zum Choufhüsi begibt. Die Mitglieder des Gemeinderats werden dabei vom Komitee und der Bärenbande begleitet. Vor dem Choufhüsi um 14:01 Uhr wird die Strassenfasnacht offiziell mit dem Fasnachtsfischen und die grosse Kofettischlacht eröffnet.

Umzug
Am Sonntag um 14:14 Uhr startet der grosser Fasnachtsumzug im Langenthaler Stadtzentrum.
Mit dabei: Die Bärenbande. Diese besteht aus folgenden Figuren; dem Bär, dem Bärenführer, dem Eselidoktor, den Bäsebethen, einer Gruppe von frohen und bunten Gümpern, dem Wagenführern, sowie Paukenspieler und Trommler.

Kinderzmorge
Der Hirsmontag steht ganz im Zeichen des Kindes. Für die Organisation und Durchführung des „Kinderzmorge“ ist die Bärenbande verantwortlich. Die am Kinderumzug teilnehmenden Kinder der lokalen und umliegenden Schulen/Kindergärten, werden in der Markthalle mit Wurst, Brot und Getränk verwöhnt. Um die Schüler so richtig in Fasnachtsstimmung zu versetzen, sorgen einige Guggenmusiken für die passende Unterhaltung. Die Mitglieder der Bärenbande treten an diesem Anlass traditionell als farbenfrohe Clowns auf.

Verleihung des Bäbabär Fasnachtsnobelpreises
Die stolzen und glücklichen Gewinner dieses „beliebten“ Wanderpreises sind unter diesem Link ersichtlich.